Arbeitswelten 4.0: Anforderungen an Arbeitnehmer

Im letzten Teil unserer Serie „Arbeitswelten 4.0“ habe ich mich mit Diversifikation beschäftigt. Heute geht mein Blick in Richtung Arbeitnehmer: Welche Anforderungen werden an sie gestellt?

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Digitalisierung, Globalisierung, Tertiarisierung: Das sind die Megatrends unserer Zeit, die heute schon unsere Zukunft bestimmen. Es zeichnet sich im Wesentlichen ab, dass wir vernetzter sein werden, dass wir auf digitales Equipment nicht mehr verzichten werden – und dass Arbeit und Privatleben immer mehr verschmelzen. Aufgrund dieser Gegebenheiten ist davon auszugehen, dass sich die Bedingungen der Erwerbsarbeit als solche drastisch verändern. Bereits in meinem Beitrag „Vision vs. Realität“ erwähnte ich, dass die Individualität mehr in den Vordergrund gerückt ist und weiter rücken wird: Ein Beruf dient in Zukunft nicht mehr ausschließlich dem Geldverdienen. Vielmehr geht es um Selbstverwirklichung, um Erfüllung. In ihrer Erfüllung sind Arbeitnehmer mehr als bereit, Arbeitszeiten flexibel zu gestalten. Dies ist auch Teil der Digitalisierung: Mit heutigen Geräten ist es bereits möglich, am Wochenende am Strand zu sitzen und Mails zu lesen oder noch spät am Abend mit einem Projektmitarbeiter aus den USA zu besprechen, was noch ansteht. In Zukunft wird also der Arbeitnehmer, der seine Erfüllung sucht, den Arbeitstakt mit angeben. Damit verliert die Industrie ihre prägende Rolle.

Diese Entwicklung spaltet den Arbeitsmarkt tief und sorgt dafür, dass der gemeinsame Arbeitsbegriff als solcher nicht mehr gesellschaftsfähig ist. Individuell betrachtet, driften die neuen Anforderungen an Flexibilität und Mobilität extrem auseinander. Weiter werden Arbeits- und Lebenswelt entgrenzt. Die gesellschaftlichen Verwirklichungs- und Teilhabechancen werden ungleich verteilt, ein aktuelles Beispiel ist die Arbeitszeit von Frauen: Beginnend mit den 60er Jahren sind immer mehr Frauen berufstätig geworden. Allerdings sieht man sie deutlich häufiger als Männer in Dienstleistungsbranchen und in Teilzeit arbeiten. Das Statistische Bundesamt zeigt in einer aktuellen Erhebung, dass hierzulande fast jede zweite Frau in Teilzeit arbeitet. Das deutet Veränderungen in der künftigen Arbeitswelt an: Arbeitnehmer werden flexibler, werden mehr als nur einen Job haben und werden projektbezogen eingesetzt.

Nun gibt es diverse Meinungen zur Teilarbeitszeit. „Atypisch“ ist eine häufige Bezeichnung, auch „prekär“ ist oft zu lesen. Warum eigentlich? Haben nicht gerade die Gewerkschaften noch vor Jahren vehement für einen Rechtsanspruch auf Teilzeit gekämpft, um dem Arbeitnehmerwunsch nachzukommen, Beruf und Familie besser vereinbaren zu können? Jeder Arbeitnehmer, der diesen Rechtsanspruch durchsetzt, hinterlässt selbstredend eine Lücke, die ihrerseits mithilfe von Befristung oder Teilzeit gestopft werden will. Jüngere und ältere Mitarbeiter, Mütter und Väter können diese Angebote nutzen. Dieser Wandel ist bereits da – jetzt ist es an uns: Schaffen wir es, die Chancen, die aus diesen Teilzeitmodellen hervorgehen, zu nutzen oder verteufeln wir sie? Ich denke, die Zukunft wird flexibel. Projektbezogene Mitarbeit ermöglicht es, Kernkompetenzen punktgenau einzusetzen. Sich als Profi auf seinem Gebiet zu etablieren.

Kürzlich sah ich eine Vakanz, bei der ein Fundraiser gesucht wurde. Ein Fundraiser koordiniert eigentlich das Sammeln von Spenden. In diesem Fall sollte der neue Mitarbeiter auch gleich noch Facebook, Twitter und Xing bespaßen, sich also um die sozialen Netzwerke kümmern. Sinnvoll wäre es, neben einem Fundraiser noch einen Social Media Manager zu suchen. In Zukunft wird das Unternehmen sich daran gewöhnen müssen, einen solchen Profi extern einzusetzen oder ihn einzustellen. Dieser Profi weiß: Er wird abends und am Wochenende noch aktiv sein, denn soziale Netzwerke haben keinen Feierabend. Flexibilität ist eine der größten Anforderungen, die an den Arbeitnehmer 4.0 gestellt werden. Und das Umgehen mit modernen Kommunikationsmitteln – immer und überall.

Aber: Auch bei flexiblen Arbeitsmodellen ist es unabdingbar für Arbeitnehmer, abschalten zu können. Es besteht kein Anspruch auf ständige Rufbereitschaft; dieses Selbstbewusstsein muss der Arbeitnehmer der Zukunft entwickeln. Es ist eine Gratwanderung zwischen diesem Selbstbewusstsein und der Verantwortung gegenüber dem Unternehmen, bewusst in seinem Sinne zu handeln. Deshalb muss der eigene Arbeitsrhythmus klar definiert sein. Daneben wird ein hohes Maß an Selbstorganisation gefordert: Arbeitnehmer müssen sich mit den eigenen Stärken und Schwächen auseinandersetzen.

Schon heute nutzen junge Arbeitnehmer bewusst Teilzeitmodelle, um sich daneben selbstständig engagieren zu können. Das stellt einerseits eine Doppelbelastung dar, mit der umgegangen werden will. Andererseits reduzieren Arbeitnehmer die Abhängigkeit von Arbeitgebern. Sie sehen: Es kommen sowohl auf Unternehmen als auch auf Arbeitnehmer Herausforderungen zu. Ein langsames Herantasten ist auf beiden Seiten spürbar. Welche Anforderungen die zukünftigen Arbeitswelten an Arbeitgeber stellen, lesen Sie im nächsten Beitrag.